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dressur real
1986 bis 2000
Buchprojekt
Mit dem Buch "dressur real" von Wolfgang Zurborn
startete der
J. Strauss Verlag in Potsdam im Mai 2001 eine Reihe über
zeitgenössische Fotografie mit dem Titel "Zeitsprung".
Bilder aus verschiedenen Serien der letzten 14 Jahre
fügen sich in einer fast filmischen Montagetechnik
zu einer komplexen Erzählung voller ironischer
Brüche über alltägliche Szenen in
einer von Mythen der Medien geprägten Welt.
Diashow
Vorwort zum Buch "dresur real"
von dem Herausgeber Klaus Honnef
Was ein Mensch wahrnimmt, ist in starkem Maße Ergebnis
seines Vorstellungs-vermögens. Längst hat die Neurobiologie
empirisch nachgewiesen, wie das Gehirn die passiv empfangenen
Sinnesdaten mit aktiven Konzeptualisierungen zur Wahrnehmung
verarbeitet. Noch länger wissen es die Künstler,
die das Phänomen intuitiv erfasst und poetisch oder plastisch-visuell
verhandelt haben, bis das Aufkommen der Fotografie mit der
Behauptung einer unmittelbaren Wahrnehmung das Gegenteil zu
illustrieren schien. Dabei ist das Medium Fotografie im doppelten
Sinne das Produkt des menschlichen Vorstellungsvermögens:
als Abbild eines bestimmten, technisch und damit kulturell
bedingten Wahrnehmungsmodus und wie jedes sein Bild als Quelle
von Sinnesdaten, die ihrerseits durch die Vorstellungsleistung
des Gehirns verrechnet werden.
Wolfgang Zurborn liefert mit seiner Werkgruppe dressur
real die Probe aufs Exempel und zeigt mit fotografischen
Mitteln, dass die Fotografie nicht weniger als die Malerei
oder die digitalisierten Bilder stets und unweigerlich eine
Konstruktion des sichtbar Realen in zweifacher Bedeutung
des Wortes darstellt, unbeschadet ihrer indexikalischen
Struktur als physischer Abdruck von Spuren eines einmal Gewesenen.
Entsprechend komplex ist das Gefüge seiner Bilder, sowohl
auf der anschaulichen als auch der formal-abstrakten Ebene.
Zugleich verschränken sich in diesen Ebenen andere Ebenen
unterschiedlichen Ursprungs und unterschiedlicher Dichte,
Raum und Zeit, Natur und Kultur, Mensch und Dingwelt, Zeichen
und Bezeichnetes. Teils vernetzen sie sich, teils ergeben
sich die verschiedenen Ereignisebenen kraft Perspektive, Ausschnitt
und Beleuchtung augenscheinlich von selbst.
Unterschwellig werfen die fotografischen Bilder darüber
hinaus noch beständig die Frage auf, in welchem Umfang
und welcher Intensität das menschliche Vorstellungsmögen,
die Fähigkeit des Gehirns zur Poesis, vor dem Hintergrund
der angeblichen Informations- und Wissensgesellschaft von
den Einflüssen der Reklame eingefärbt wird. So unterminiert
der Fotograf die falsche Natürlichkeit, welche die Werbung
mit wachsendem Verlust der Natur desto eindringlicher propagiert,
durch ironische Brechungen und ein Licht, das allen seinen
Bildern den flirrenden Glanz der Künstlichkeit verleiht.
In diesem Sinne sind sie mehrfach verschlüsselt und widersprechen
jeder simplifizierenden Wahrnehmungslogik. Sie zwingen das
Vorstellungsvermögen ihrer Betrachter zur Erweiterung
seines Horizonts, stören seine gewohnten Abläufe
durch ungewöhnliche visuelle Herausforderungen, provozieren
eine Krise der Orientierung, und entfalten ihre Prägnanz
allein auf der Ebene der Ästhetik. Dank einer ausgefeilten
Montagtechnik, die zugleich ästhetische Prinzip ist,
innere und äußere Montage in verwirrendem Wechsel
und im paradoxen Verhältnis vereint, werden die Bilder
auf der Ebene der Erfahrung zu Rätseln ohne Auflösung.
Wolfgang Zurborn hat seine Werkgruppe dressur real,
die auch ein Rückblick auf seine fotografisch-künstlerische
Arbeit ist, bewusst als Buch inszeniert, das an einen Film
erinnert, einen Film indes, der keine offensichtlich narrative
Erzählstruktur, aber viele Elemente des Filmischen besitzt.
Film und Fotografie korrespondieren auf einer Ebene der dritten
Art.
Einige Fotografien aus der Serie "dressur real"
werden von Photonica
vertreten.
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